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Vom Bäckergewerbe am Kronenplatz

Geschichte
Mai 2018

Bis vor einigen Jahrzehnten war das traditionelle Bäckertum in Dietikon ein nicht weg zu denkendes Gewerbe gewesen. Das Zentrum des Handwerks bildete bis weit ins 20. Jh. hinein die frühere Dorfmitte: Nicht weniger als drei alte Bäckerbetriebe etablierten sich schon vor 1900 unmittelbar beim Kronenplatz und um die heutige Bäckerstrasse herum.

 

Die «Krone»-Bäckerei Gstrein

Das Gasthaus zur «Krone» ist eines der ältesten Gebäude Dietikons und wird 1259 erstmals urkundlich erwähnt. Es gehörte dem Kloster Wettingen und besass das Tavernenrecht, wodurch der Gastwirt ermächtigt war, Reisenden nächtliche Unterkunft und feste Mahlzeit anzubieten. 1853 wurde der «Krone» eine Bäckerei angegliedert, worauf die Liegenschaft 1873 in den Besitz der Familie Gstrein überging. Viele Dietiker erinnern sich noch gut an die moderne Bäckerei-Konditorei: Ihre Spezialität waren die «Dietikonerli», eine kleine runde Pâtisserie mit Marzipandeckel, auf welchen mit Schoggi bauliche Wahrzeichen der Stadt aufgemalt waren. Die «Krone»-Bäckerei Gstrein wurde Ende 1996 aufgehoben, und abgebrochen wurde der Ladenanbau des nun leer stehenden Gasthauses während der Umbauarbeiten von 2008–2010.

 

Die Bäckerei Frey

Reisen im Mittelalter war beschwerlich: Pferdehufe mussten beschlagen, Schäden an Wagen repariert werden. Daher wurde im nahen Umkreis der «Krone» eine Schmiede errichtet, die für 1662 belegt ist. An ihrem Standort liegt heute ein Parkareal. Wie die Taverne gehörte auch die Schmiede einst dem Kloster Wettingen und wurde an verlässliche Untertanen verpachtet. Die «Klosterschmiede» gelangte um 1880 in den Privatbesitz von Melchior Frey und wurde in eine Bäckerei umgebaut. Der Schuppen diente fortan als Lagerhaus für Mehl und Holz: Die Familie Frey besass Waldflächen und konnte das Brennholz für den Backofen selber schlagen. Bis 1926 wurde baulich nichts an der Liegenschaft verändert. Neben der Bäckerei etablierte Frey auch einen kleinen Kolonialwarenhandel und bot als solcher Lindt-Schokolade, Zucker und entkoffeinierten Kaffee HAG feil. In den 1940er Jahren ging das Geschäft auf Fritz Frey-Seiler junior über (Enkel von Melchior). Doch 1952 verkaufte es dieser und zügelte nach Zürich. Jahrelang stand das Gebäude dann leer, bis es die Stadt Dietikon kaufte und es im Juli 1971 niederreissen liess.

 

Die Bäckerei Bürchler

Der Reiseverkehr nahm bis zu Beginn des 19. Jh. immer weiter zu, und das Dorf Dietikon wuchs. Neue Möglichkeiten für Unterkunft und Verpflegung mussten her: So führte Kaspar Bürchler 1839 wohl an der heutigen Löwenstrasse 8 eine Weinstube, welche ein Jahr später ein Speisepatent erhielt. Am Standort des heutigen «Zeus Bar Clubs» wurde dann 1860 ein Doppelhaus errichtet, in welchem die Familie Bürchler 1896/99 das Restaurant «Blume» sowie eine Bäckerei-Konditorei und eine Kaffeestube eröffnete. Geführt wurde die Konditorei von Eduard Bürchler-Frey (1885–1947), der regelmässig mit seinem kleinen Fuhrwerk frisches Brot in Dietikon auslieferte. Auch seine Gipfeli, Crèmeschnitten, Glaces und Liköre waren im ganzen Dorf beliebt. Die «Blume» erlangte zudem Berühmtheit, weil Bürchler 1926 die Wetterfahne der abgebrochenen Simultankirche erwarb und sie stolz auf das Dach des Doppelhauses setzte. Sie wurde auf die heutige Stadtbibliothek übertragen, nachdem die «Blume» im Frühling 1985 abgerissen wurde.

 

Weil Dietikons Hauptverkehrsachse seit dem Mittelalter durch die heutige Löwenstrasse (=Alte Zürcherstrasse) verlief, siedelten sich ihr entlang auch diese wichtigen Teile des alten Gewerbes an, um eine gute Infrastruktur zu gewährleisten. Doch im Lauf des letzten Jahrhunderts hat Dietikon einen enormen gesellschaftlichen Wandel durchlebt und ist unfassbar gewachsen. Auch der Automobilverkehr wuchs rapide, wodurch die alte Hauptstrasse bald ausgelastet war. Daher wurde 1964/66 die Zentralstrasse errichtet, um das jetzige Stadtzentrum am Kirchplatz besser mit der Badenerstrasse beim Zollhaus zu verbinden. Ein Teil der Löwenstrasse ist heute Fussgängerzone. Über den anderen Teil gelangt man dank der 1985 angelegten Bäckerstrasse mit dem Auto zum Bahnhof: Und immer wenn man hier an der Bäckerstrasse vorbeikommt, so wird man an das alte Gewerbe und die drei Bäckerbetriebe am Kronenplatz erinnert.

 

 

Text: Sven Wahrenberger, Fotos: Ortsmuseum Dietikon 

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