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Die «Blechbüchsenfabrik Fischer»

Geschichte, Kultur, Stadt
Juni 2017

 

Eine heute kaum mehr bekannte Alt-Dietiker Firma ist die «Fischer Söhne AG», die zwischen 1923 und 1956 in unserer Stadt beheimatet war. Sie war Herstellerin von Blech- und Kartonkanistern. Heute steht sie in Muri AG, ist in der Kunststoffverarbeitung tätig und beschäftigt rund 120 Mitarbeiter.

 

Zum Beginn der Blechdosen-Herstellung

Alles begann 1923 an der Schöneggstrasse 11: Alois
Fischer-Brunner (1877 – 1957) – Sprössling einer seit 1389 bezeugten Alt-Dietiker Familie– hatte sich aus gesundheitlichen Gründen vom bäuerlichen Gewerbe zurückziehen müssen und gründete eine Blechwarenfabrik. Hergestellt wurden Behälter für Cremen, Pasten, Farben oder Pulver mit bis zu 10 Litern Fassungsvermögen. Das Rohmaterial wurde in Form von Weissblechplatten eingekauft und weiterverarbeitet, gerollt und verlötet. Da Alois als Nebenerwerb auch einen kleinen Fuhrbetrieb führte, konnte er die fertigen Büchsen sogleich mit dem Heuwagen zur Bahn spedieren (der erste LKW wurde 1950 angeschafft).

Umzug an die Malerstrasse

Schon 1925 sah sich Alois gezwungen, die Fabrikationsstätte zu verlegen, weil ihm der Mietvertrag gekündigt worden war: Eilig erstellte er ein zweistöckiges Gebäude auf seinem Grundstück an der Malerstrasse 12 – 14 (heute Wolfsmattstrasse). Im Erdgeschoss baute er die Produktionshalle ein, während im Obergeschoss eine 5-Zimmer-Wohnung eingerichtet wurde. Dazu erbaute er ein separates 3-Familien-Wohnhaus, in welchem Alois und seine Familie lebten. Der Auftragsbestand stieg, doch gab es bis 1946 keine Erweiterung der Fabrikationsfläche, und kaum mehr als 5 Angestellte waren im Betrieb angestellt.

Der Zweite Weltkrieg brachte als Folge mit sich, dass 1940 alles Weissblech eingezogen wurde; dies ist ver­zinntes Eisenblech und rostet nicht, weshalb es während des Krieges für die Herstellung von Konservendosen reserviert wurde. Als Alternative stand Alois nur mangelhaftes Schwarzblech zur Verfügung, welches ohne Schutzbelag korrodiert. Zum Glück aber wurden damals innovative Ideen eingebracht, denn unterdessen hatten drei von Alois‘ Söhnen eine Mechaniker-Lehre abgeschlossen, und arbeiteten als Facharbeiter mit in der Firma: Auch das Fassungsvermögen der Kannen konnte auf bis zu 50 Litern erhöht werden. Ein kleines Hoch setzte ein, und schon 1946 war es nötig, den Betrieb zu vergrössern: Diverse Nebenbauten – darunter ein Stall – wurden in zusätzliche Fabrikationsfläche umgebaut.

Übergang zur Moderne: Über Kartongebinde zu Kunststoffkanister

Alois übergab 1951 die Betriebsleitung an seine Söhne Hans Fischer-Näpflin (1916 – 1981) und Paul Fischer-Ulmi (1919 – 2017). Mit ihnen gelang im selben Jahr der Durchbruch der «Fischer Blechbüchsen­fabrik»: Der Koreakrieg brachte wieder Versorgungsschwierigkeiten des Rohmateriels mit sich, also suchten die Söhne nach Alternativen: Die Idee war, bei der Behälterproduktion von Blech- auf Kartonemballagen umzustellen. Nach nächtelangem Tüfteln wurde 1952 der erste solche Kompaktkarton-Behälter mit 25 Litern Volumen hergestellt. Er begeisterte die Abnehmer, weil er leichter, billiger, widerstandsfähiger gegenüber Druck und auch wasserdicht war. Bald kam es zu einem beachtlichen Anstieg an Aufträgen. Die Zahl der Arbeiterschaft stieg auf 15 Angestellte.

Andererseits nahm die neue Kartonabteilung auch viel Platz in Anspruch; und dieser war an der Malerstrasse zu klein geworden. Ein Erweiterungsbau war nicht möglich. Mangels einer anderen Lösung musste die Familie ausserhalb der Gemeinde nach einem geeigneten Standort suchen und wurde auf dem Mutschellen fündig: 5000 m2 Bauland hinter dem Restaurant Mutschellen. Bereits Anfang 1956 war der Neubau auf der Passhöhe bezugsbereit.

Noch während der Umzugpläne hatte sich Alois definitiv aus der Firmenleitung zurückgezogen und überschrieb den Betrieb an Hans und Paul, die ihn 1959 in die «Fischer Söhne AG» umwandelten. Er selbst wohnte weiterhin mit seiner Frau Emilie im Haus an der Malerstrasse. Doch bald darauf verstarb er, am 10. November 1957, an den Folgen einer Lungenentzündung. So erlebte Alois zwar die einsetzende Blütezeit seiner Firma dank der Kartonabteilung mit, aber die 100 %ige Umstellung auf Kunststoff bei der Kanister-Herstellung, ebenso wie den Umzug 1967 nach Muri mit inzwischen 40 Angestellten, erlebte er nicht mehr.

Text: Sven Wahrenberger, Fotos: Jubiläums-Festschrift «Fischer Söhne AG, 1923-1998 

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